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März 16, 2011

PERFORMANCE EXPRESS von Byung Chul Kim

Das Projekt PERFORMANCE EXPRESS des Künstlers Byung Chul Kim macht das Zug fahren selbst zum Thema. Die erhöhte Aufmerksamkeit, die durch das staufreie Fahren und das enge Beisammensein unterschiedlicher Menschen in einem Zug ausgelöst wird, will Byung Chul Kim für performative Handlungen einzelner Fahrgäste nutzen.  Die Züge des PERFORMANCE EXPRESS lässt der Künstler in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn AG, der SNCF/TER, Privatunternehmen und der Stadt Saarbrücken im grenzüberschreitenden Verkehr zwischen Deutschland, Frankreich und Luxembourg fahren.

Wie beim PERFORMANCE HOTEL, ein Projekt, das der Künstler seit Juli 2009 in Stuttgart betreibt, soll auch beim PERFORMANCE EXPRESS eine andere Ökonomie praktiziert werden, indem die Vergabe von Tickets entweder gegen Geld oder alternativ gegen eine „performative Leistung“ erfolgt. Menschen, die mit einer Performanceidee einen Fahrschein eintauschen wollen, können sich im Hauptbahnhof Saarbrücken am Stand des Künstlers, oder über <performanceexpress.wordpress.com> mit Foto und Telefonnummer bewerben. Am Stand können auch Interessenten ohne Performanceidee einen Fahrschein zum Preis von 30,- € (ermäßigt 20,-€) kaufen. Die Zahl der Tickets ist jeweils begrenzt. Der Künstler Byung Chul Kim versucht grundsätzlich, alle Performer „zum Zug“ kommen zu lassen.

Es wurde zunächst eine Fahrt von Saarbrücken nach Metz (15.5.2010) durchgeführt. Weitere Fahrten nach Luxembourg (18.6.2010), Metz (18.9.2010) und Paris (6.11.2010) sind geplant (siehe oben).

Das Projekt PERFORMANCE EXPRESS versucht, neue Formate auszuprobieren und Kunst im öffentlichen Raum mit einem weiterentwickelten Performance Begriff zu verbinden. In der Reihe „Ausgang City / Aufgang Nord“ mit der die Landeshauptstadt Saarbrücken 2010 das Stadtgebiet und das Quartier Eurobahnhof künstlerisch bespielen lässt (<ausgangcity.wordpress.com>) hat das Projekt eine Sonderstellung inne, weil es die Möglichkeiten von Kunst im öffentlichen Auftrag grundsätzlich erweitert: Es sprengt die Grenzen von ortsbezogener oder sozio-spezifischer Interventionskunst. Fahrende Züge sind keine üblichen Orte für Kunst im Stadtraum und die Gruppe der mutigen Performer, die mit ihrer Idee und deren Aufführung im Zug zu einem Gratisfahrschein kommen, setzt sich aus Teilnehmern unterschiedlichster Herkunft zusammen. PERFORMANCE EXPRESS ist ein organisatorisch aufwändiges Projekt. Es verbindet Kulturbehörden in der Stadtverwaltung, Stellen der Deutschen Bahn AG und der französischen SNCF/TER, Medien und das Betriebssystem Kunst miteinander. Diese unterschiedlichen Personen, Unternehmen und Institutionen werden –im direkten und übertragenen Sinne – „grenzüberschreitend“ tätig und wenden sich an interessierte Teilnehmer, seien es künstlerische Laien oder professionelle Performer.

Einige Tage vor jeder Zugfahrt wird im Foyer des Hauptbahnhofs Saarbrücken ein Stand eingerichtet. Byung Chul Kim bietet dort einen Beratungs- und Anmeldeservice an, bei dem interessierte Personen ihre Performanceidee präsentieren, oder Informationen über das Projekt einholen können. Bereits in dieser Aktionsphase, vor der eigentlichen Zugfahrt, entwickelt sich ein allgemeiner, offener und sich selbst organisierender Diskurs. Das Angebot an gestaffelten Preisklassen bewirkt eine Wertediskussion. Es entstehen Fragen zur Kunst und zu Kriterien, mit denen menschliche Konzeption und menschliches Handeln grundsätzlich zu beurteilen sind: Was ist eine Performance wert, was ist Kunst generell wert? Welchen Wert hat eine Idee, welchen Wert hat die praktische Ausführung? Können Performances von Laien mit denen von ausgebildeten Künstlern verglichen werden? Was ist eine gute, was eine schlechte, was eine langweilige Performance? Das Konzept, das „Spielsystem“ des Künstlers, vermischt zudem herkömmliche kommerzielle und auf dem Tauschprinzip basierende Vorgehensweisen. Die Kritik an der Monopolstellung von Geld als Tauschmittel ist seit der internationalen Finanzkrise 2008 für die zeitgenössische Kunst ein Thema.

Der Stand im Bahnhof und die Station auf dem Bahnsteig kurz vor der Abfahrt stellen die statischen Interventionsorte, der fahrende Zug mit den Performances stellt den bewegten Ort für das temporäre Kunstprojekt des Künstlers dar. In den Aktionen während der Zugfahrt spiegeln sich Prinzipien der Selbstorganisation wieder. Es ist daher nur konsequent, dass der Künstler im Moment der Abfahrt die  Veranstaltung diskret verlässt – wie bei der ersten Fahrt nach Metz – und an den eigentlichen Performances im Zug nicht teilnimmt. Die Performer bleiben sich selbst überlassen und entwickeln teils spontan, teils geplant das Eventprogramm während der Hin- und Rückfahrt über die deutsch-französische Grenze. Byung Chul Kim erwartet den Zug abends bei seiner Ankunft am Bahnsteig. Dieses Vorgehen muss nicht bei jeder Fahrt so ablaufen, es ist jedoch charakteristisch für den ungewöhnlichen konzeptuellen Ansatz des Künstlers. Er schafft nur den Bedeutungsraum, in dem sich die künstlerischen Ideen und ihre Interpretationen entwickeln können: Aufnahmen für ein Musikvideo mit Luftballons, schräge Typen mit absonderlichen Instrumenten oder ein opernreif singender Italiener sind performende Teilnehmer, dazwischen Presse- und Fernsehleute, die sich durch die zahlreichen Fahrgäste und Zuschauer drängen. Kai Bauer © 2010

 

PERFORMANCE EXPRESS von Byung Chul Kim

Ein städte- und länderübergreifendes Kunstprojekt der Stadt Saarbrücken in
Zusammenarbeit mit der DB-AG, der SNCF/TER, der Agentur für Kunstvermittlung, Stuttgart, und dem MUDAM Luxembourg.